Deutscher Schwimm-Verband e.V. – DeepDive

Coach Clinic #2 – Brustschwimmen-Woche: Was fünf europäische Trainer aus neun Tagen mit 19 Brustschwimmer*innen mitnehmen

Henri (Estland) und seine Assistenztrainer Joachim (NOR), Jochen (GER), Carmel (ISR), Justas (LTU) über eine reine Brust-Woche in Eindhoven mit 19 Athlet*innen vom Nachwuchs bis Paris-Olympia. Im Zentrum: Hüfte als Antriebsmotor und drei Trainings-Fallstudien.

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Coach Clinic #2 – Brustschwimmen-Woche: Was fünf europäische Trainer aus neun Tagen mit 19 Brustschwimmer*innen mitnehmen
Coach Clinic Serie · DSV DeepDive

Gerade in der Brustlage, der einzigen Wettkampflage mit nicht-kontinuierlichem Vortrieb, entscheidet weniger Kraft über Tempo und Effizienz, sondern wie gut die Schwimmerin den Wasserwiderstand managt. Genau hier setzte eine Woche an, in der fünf europäische Trainer neun Tage lang ausschließlich Brustlage trainiert haben — mit 19 Athlet*innen aus mehreren europäischen Verbänden, vom 600-Aqua-Points-Junior bis zur Pariser Olympia-Teilnehmerin.

Die Coach Clinic, die wir hier dokumentieren, hat eine programmatische Besonderheit: ein Head Coach setzt das methodische Gerüst, vier Assistenztrainer leiten je eine eigene Einheit — und beleuchten dabei dasselbe Thema aus jeweils anderer nationaler Coaching-Tradition. Das hat sichtbar gefruchtet.

Was dich in diesem Beitrag erwartet

Format & Umfang Video: ca. 43:00 Minuten Sprache: Englisch · Untertitel: Deutsch und Englisch (optional) Inhalte der Vollversion ➡️ Vollständige Auswertungs-Session der fünf Trainer mit Folien und Unterwasservideo-Sequenzen ➡️ Strukturierte deutsche Zusammenfassung der Trainingsphilosophie, technischen Befunde und Drill-Progressionen ➡️ Drei Karriere-Fallstudien (50 / 100 / 200 m Brust) — wie Junior-zu-Senior-Übergänge konkret aussehen ➡️ Konkrete Take-home Messages für die Trainingsplanung im Brust-Nachwuchs 🔓 Zugang & Abo 👉 Mit einem Abo schaltest du den kompletten Beitrag frei — inklusive Video, Vollzusammenfassung und Take-home Messages. Wenn du bereits Abonnent*in bist, melde dich einfach an.

Die Trainer der Woche

Henri (Estland) führte als Head Coach durch die Brust-Gruppe. Er konzipierte und leitete die ersten sechs Einheiten und setzte das methodische Gerüst der Woche.

Joachim (Norwegen) — Assistenz, war in der Auswertungs-Session entschuldigt wegen familiärer Notlage; seine 50-m-Brust-Fallstudie steckt im Beitrag.

Jochen Stettiner (Deutschland) — Vereinstrainer am Regionalstützpunkt seit 2019, war bereits 2025 Teil des Camps.

Carmel (Israel) und Justas (Litauen) — Assistenz, jeweils mit eigenverantwortlich geleiteter Einheit.

Zusammenfassung

Was diese Woche besonders machte

Im Unterschied zur Schmetterling-Woche hatte die Brust-Woche eine Setting-Besonderheit, die alle methodischen Entscheidungen prägte: 19 Brustschwimmer*innen aus mehreren europäischen Verbänden auf extrem heterogenem Niveau — vom 600-Aqua-Points-Junior bis zur Pariser Olympia-Teilnehmerin —, dazu nur zwei Bahnen, einige mit kleineren Vorverletzungen (Leiste, Knie), und ein Wissen aller Beteiligten, dass es nach dem Camp zurück in harte Programme der Heimatvereine geht.

Die Konsequenz, die Henri als Head Coach gezogen hat: bewusst körperlich entlasten, mental fordern.

Die Trainer und ihr Setup

Henri hat die ersten sechs Einheiten selbst konzipiert und geleitet, um sein methodisches Gerüst zu setzen. Danach hat jeder der vier Assistenztrainer eigenverantwortlich eine Einheit geleitet. Plus ein dedizierter Videoanalyse-Tag mit Marek Polas zum Start und zur Unterwasserphase. Abschluss: Brust-Staffelrennen, um Drills unter Wettkampf-Bedingungen abzurufen.

Dieses Modell hatte einen klaren Nebeneffekt, den die Athlet*innen explizit zurückgespiegelt haben: „andere Sichtweisen, andere Winkel" — wer das ganze Jahr beim gleichen Heimtrainer arbeitet, bekommt das gleiche Feedback. Eine Woche mit fünf Coaches öffnet hier Korridore.

Trainingsphilosophie der Woche

„Das Ziel war nicht, die Athleten körperlich zu überlasten, sondern sie mental positiv zu überfordern — damit sie darüber nachdenken, warum sie eine Übung machen, statt nur Anweisungen zu folgen." — Henri

Operativ: 9 Tage, 14 Einheiten, ~48 km, Volumen und Intensität bewusst konservativ. Verletzungsprävention vor allem. Erste Einheit: nur Drills (Kick, Pull, 25–50 m) — Diagnose vor Intervention. Bei 19 Athlet*innen auf unterschiedlichstem Niveau muss man die Stroke-Befunde erst haben, bevor man methodisch handeln kann.

Der dominante technische Befund: Mädchen schwimmen die bessere Brustlage

Das war so klar, dass es eine eigene Erwähnung wert ist: Die Athletinnen zeigten durchgängig die bessere Körperausrichtung, die stromlinienförmigere Position, die höhere Gelenkbeweglichkeit und entsprechend den vortriebs-effizienteren Beinschlag.

Die Jungs dagegen kompensierten den Mobility-Mangel durch Armarbeit und reine Kraft — und produzierten damit genau das, was Brust eigentlich nicht belohnt. Der Befund ist nicht zufällig: Brustlage ist die einzige Wettkampflage mit nicht-kontinuierlichem Vortrieb. Die Geschwindigkeit pulsiert im Stroke-Zyklus; Erfolg hängt davon ab, wie gut Widerstand gemanagt wird — nicht, wie viel Kraft gegen das Wasser gedrückt wird.

Daraus ergibt sich für die Trainerpraxis eine harte Konsequenz: Bei männlichen Junioren ist Hüftmobilitäts-Arbeit kein „Nice to have". Sie ist die Voraussetzung, um die Brustlage überhaupt technisch korrekt aufbauen zu können. Wer sie früh weglässt, baut später eine Lage, die ohne Beinschlag-Mechanik auskommen muss — was im 50 m bisweilen funktioniert, in 100 und 200 m aber strukturell limitiert.

Wie Brustlage biomechanisch funktioniert — und warum Hüfte „der Anfang" ist

  1. Bewegung beginnt an den Hüften, nicht am Kopf. Der Körper folgt der Hüfte. Wer die Hüftposition hoch hält, hält den ganzen Körper hoch und reduziert frontalen Widerstand — besonders in der Atemphase, in der die Widerstandsspitze liegt.
  2. 70 % des Vortriebs kommen aus den Beinen (Hüftadduktion und -extension). Hauptmuskeln: Adduktoren, Gluteen, Brust, Rücken, Trizeps, Core.
  3. Armzug initiiert die Bewegung und ermöglicht das Atmen — die eigentliche Beschleunigung kommt aus dem Beinschlag. Die Gleitphase erhält Tempo und reduziert Energieverlust.
  4. Wenn das Timing zwischen den Phasen nicht stimmt, steigt der Widerstand und die Effizienz sinkt. Brustlage bestraft Timing-Fehler härter als andere Lagen, weil sie nicht über kontinuierlichen Vortrieb kompensiert werden können.

Konsequenz für die Trainingsmethodik: Beim Nachwuchs gehört motorische Kontrolle von Hüfte und Beinen vor Kraft und Konditionierung. Konditionierung wird erst dann effektiv, wenn das Bewegungsmuster sitzt — sonst zementiert sie Fehler.

Drill-Progressionen (Land + Wasser)

Stufenlogik: Wahrnehmung → isolierte Ansteuerung → integrierte Bewegung → Bewegung unter Last.

  • Landtraining: Hüft-Tilt-Übungen, Schulter-/Overhead-Mobilität, neuromuskuläre Aktivierung der Hüftmuskulatur kombiniert mit deren Kräftigung. Wichtig: nicht nur Mobility, sondern Mobility + Stabilisation der gewonnenen Bewegungsamplitude.
  • Wasser – Körperposition + Trunk: Assistiertes Schwimmen mit aktivem Hüft-Tilt (Wasserströmung wahrnehmen und adaptieren); Auftriebsübungen in Brustlage-Position zur Trunk-Aktivierung — eine der schwersten Übungen der Woche.
  • Vertikale Kicks: Erst Hüfte gegen die Wand pressen während des Kicks (Wand als externes Widerlager), dann freier vertikaler Kick mit variabler Armposition als Stabilisations-Challenge.
  • Cobra-Sculling mit zwingender Beibehaltung von Streamline und hoher Hüftposition.
  • Transfer in den ganzen Schwimmzug: 2×50 Kick Rücken / 2×50 Kick Bauch → Body-Position-Kick → 3-Kick-1-Pull / 2-Kick-1-Pull / 1-Stroke. Forderung: Kraft des Beinschlags in die Zugbewegung übertragen, bei hoher Körperposition.
  • Pull-Drills: Progression Flossen-assistiert → Flossen-Widerstand → Flossen-assistiert mit Pull → konsistente Technik unter Ermüdung mit Freibeinschlag + Brustzug.

Drei Fallstudien — wie die Karriere weitergeht

200 m Brust: Jeremy Spock (2:03 Kurzbahn-EM). Adoleszenz: 20–35 km/Woche. Die ersten 20 Minuten jeder Einheit waren drei Jahre lang ausschließlich Techniktraining — keine Konditionierung, niedriges Volumen, nur Technik (Effizienz, hohe Körperposition, hohe Hüfte, viel Gleitphase und Hüftkontrolle). 19–22: Volumen auf 40 km Schnitt (50 km nur 1–2 Wochen/Jahr). Erstmals systematische Arbeit unter Ermüdung und Last, dazu Schwellen- und Renn-Pace-Sätze mit perfekter Technik und konstanter Zugzahl/Zuglänge.

50 m Brust: Norwegischer Sprintspezialist (~30 J.). Auf 50 m kippt das Bild: Kraft und Zugfrequenz dominieren. Trainingsmittel: Power Towers, Fallschirme, gezielte Trockenarbeit. Drills für die Hüftöffnung bleiben dieselben, aber die Volumen-/Intensitäts-Balance verschiebt sich systematisch in Richtung Power. Beobachtung: Auf 50 m sind Weltklassezeiten ohne dominanten Beinschlag möglich — auf 100 und 200 nicht.

100 m Brust: Henris eigener Schwimmer (Junior → Senior). 3 Makrozyklen pro Saison (1 Kurzbahn, 2 Langbahn), wellenbasierte Belastung 3–5 Wochen Aufbau / 1 Woche Erholung, 8–9 Schwimmeinheiten/Woche (aerob+anaerob+viel Renn-Pace), 3 Krafteinheiten (Reha + Hauptarbeit + ergänzend), Power Towers als Power-Transfer-Tool, hohe Individualisierung über 100-m-Tests, Fokus auf die Schwachstelle: zweite 50 und besonders die letzten 25 m, Recovery + Monitoring (WHOOP, HRV, Schlaf, Ernährung) als systematische Säule.

Ein Punkt, den Henri besonders betont: Zugzahl ist der beste universelle Lehrhebel für Technik. Wenn Athlet*innen anfangen, ihre Zugzahl bewusst zu kontrollieren, werden ihre Wenden besser, ihre Gleitphasen länger, Pull und Kick verbinden sich besser. Im Camp hat sich gezeigt: Die meisten Schwimmer*innen kennen ihre Zugzahl nicht — eine niedrig hängende Frucht, mit der jede Heimtrainer*in sofort starten kann.

Coaching-Haltung: vom „Commander" zum „Co-Worker"

Der mentale Kern der Woche war ein Übergang im Coaching-Modell, den Henri so formuliert: „Nicht nur Kommandeur — sondern ein bisschen mehr Co-Work." Mit 17–18 Jahren muss eine Athletin verstehen, was sie im Training tut und warum — sonst ist der Schritt in den Spitzenleistungssport nur Befehl-und-Ausführung, was an der Spitze nicht trägt.


Take-home Messages für Trainer*innen

  1. Hüftmobilität ist bei männlichen Junior-Brustschwimmern keine Option — sie ist Voraussetzung. Wer sie früh wegspart, baut eine Brustlage, die nur über Kraft funktioniert, und limitiert damit 100/200 m strukturell.
  2. Brust ≠ kontinuierlicher Vortrieb. Bestraft Timing-Fehler härter als andere Lagen. Trainingsfokus muss Koordination und Rhythmus vor Kraft setzen.
  3. 70 % des Vortriebs aus den Beinen. Hüftkontrolle und hohe Hüftposition sind die zentralen biomechanischen Stellschrauben.
  4. Bewegung beginnt an der Hüfte, nicht am Kopf. Körper folgt Hüfte — sichtbar daran, wie weit sich die Geschwindigkeit der Atemphase hält oder einbricht.
  5. Im Junior-Alter: motorische Kontrolle vor Konditionierung. Konditionierung zementiert sonst falsche Bewegungsmuster.
  6. Das Spock-Modell: 20 Minuten reines Techniktraining pro Einheit, drei Jahre lang, bei 20–35 km/Woche. Hohes Volumen ist im Nachwuchs nicht der entscheidende Hebel.
  7. Stroke Count ist der universelle Lehrhebel. Wer ihn bewusst trainiert, gewinnt parallel an Wenden, Gleitphasen und Zug/Kick-Verbindung. Die meisten Schwimmer*innen kennen ihre Zugzahl nicht.
  8. Bei 100 m: zweite Bahn und letzte 25 m sind die systematische Schwachstelle — dort gezielt trainieren.
  9. Wettkampf-Settings im Trainingslager funktionieren auch im Kleinen. Sogar 2-vs-2-Bahnenrennen erzeugten in dieser Woche den wertvollen Übertrag von Technik in Renn-Intensität.
  10. „Co-Work" statt Befehl. Spätestens mit 17–18 muss die Athletin verstehen, warum sie tut, was sie tut.

Quellen & Hinweise

  • Coach Clinic #2, Auswertungs-Session der europäischen Brustschwimm-Trainer (Eindhoven/Online, Mai 2026).
  • Sprecher*innen: Henri (Head Coach Brust, Estland), Joachim (Norwegen, abwesend), Jochen Stettiner (Deutschland), Carmel (Israel), Justas (Litauen).
  • Videoanalyse-Setup: Marek Polas (Start + Unterwasserphase).
  • Wochen-Eckdaten: 9 Tage, 14 Einheiten, ~48 km, 19 Brustschwimmer*innen, 2 Bahnen.
  • Fallstudien: Jeremy Spock (200 m, 2:03 Kurzbahn-EM), norwegischer 50-m-Spezialist (~30 J.), Henris 100-m-Schwimmer.